Mit der zunehmenden Automatisierung industrieller Prozesse und steigenden Sicherheitsanforderungen gewinnt intelligentes Alarmmanagement weltweit an Bedeutung. Was ist der beste Ansatz für ein effektives Alarmmanagement? Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen? Und welche neuen Technologien und Lösungsansätze zeichnen sich ab?
Für David Pfeifer, Head of Solutions für die DACH-Region bei Ascom, bedeutet Alarmmanagement die strategische Optimierung von Alarmsystemen. "Ziel ist es, relevante und präzise Alarme zur richtigen Zeit bereitzustellen und damit Sicherheit, Effizienz und Entscheidungsprozesse zu verbessern. Alarmmanagement spielt nicht nur für die Arbeitssicherheit eine entscheidende Rolle, sondern auch für betriebliche Effizienz, Compliance, Kostenoptimierung und den Umgang mit Daten."
Was ist der beste Ansatz für das Alarmmanagement? Wo liegen die häufigsten Herausforderungen und welche neuen Technologien und Lösungsansätze zeichnen sich ab? Welche neuen Technologien und Ideen entstehen da? Diese und weitere Fragen beantwortet David Pfeifer im Interview. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Alarmmanagement und beschäftigt sich intensiv mit innovativen Lösungen für komplexe Herausforderungen.
Was sind die größten Herausforderungen für große Unternehmen?
"Eine der größten Herausforderungen, die wir bei großen Unternehmen beobachten, ist die gewachsene IT-Infrastruktur. Wenn ein Unternehmen fünf Abteilungen hat, kommen häufig fünf verschiedene Infrastruktursysteme oder Anwendungen zum Einsatz, die nahezu dieselben Aufgaben erfüllen. Diese Redundanz treibt die Kosten in die Höhe und kann im Extremfall zu einem erheblichen Mehraufwand führen. Gleichzeitig steigt auch der Wartungsbedarf entsprechend. Das wollen Sie nicht!
Lösungen und Arbeitsabläufe müssen unternehmensweit integriert werden, nicht nur innerhalb einzelner Standorte, Abteilungen oder Teams. Eine ganzheitliche Betrachtung ist der Schlüssel, um fundierte Entscheidungen zu treffen und effektive Lösungen zu entwickeln."
Bevorzugen Sie eine Single-Vendor-Strategie oder einen herstellerunabhängigen Ansatz?
"Wenn man einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, spricht vieles für eine herstellerunabhängige Lösung. Der Vorteil liegt darin, unterschiedliche leistungsfähige Systeme integrieren zu können, anstatt von einer einzigen proprietären Lösung abhängig zu sein. Lösungen eines einzelnen Anbieters können zwar Vorteile wie Mengenrabatte und eine einfachere Beschaffung bieten. Langfristig besteht jedoch das Risiko einer stärkeren Anbieterabhängigkeit und höherer Kosten, etwa wenn bestehende Systeme im Zuge technologischer Entwicklungen ersetzt werden müssen."
Können Sie ein Beispiel geben?
Für die Sicherheit am Arbeitsplatz benötigen Mitarbeiter vor Ort möglicherweise WLAN- oder Paging-Lösungen, während Beschäftigte an entfernten Standorten auf 5G oder andere Mobilfunknetze angewiesen sein können. Alles von Grund auf neu zu gestalten, wäre weder praktikabel noch wirtschaftlich. Daher ist es entscheidend, vorhandene Infrastruktur und Budgets zu berücksichtigen. Es geht fast nie darum, von Grund auf neu zu beginnen, sondern um die Integration und Optimierung bestehender Systeme. Oft können kleinere Anpassungen die Gesamteffizienz des Systems erheblich verbessern."
Sie würden also nicht grundsätzlich empfehlen, auf ein neues System umzusteigen?
"Der Wechsel zu einem vollständig neuen System ist häufig komplex und zeitaufwendig. Die Mitarbeitenden müssen sich an neue Prozesse und Technologien gewöhnen. Neben ihren täglichen Aufgaben bedeutet dies eine zusätzliche Veränderung, die bewältigt werden muss. Eine schrittweise Weiterentwicklung ist häufig erfolgreicher als eine vollständige Umstellung."
Lösungen und Arbeitsabläufe müssen im gesamten Unternehmen integriert werden, nicht nur innerhalb eines einzelnen Standorts, einer Abteilung oder eines einzelnen Teams. Ganzheitliche Betrachtung ist der Schlüssel zu guten Entscheidungen und effektiven Lösungen zu entwickeln.
Was möchten Sie mit einem effektiven Alarmmanagement erreichen?
"Große Unternehmen können die Auswirkungen unterschiedlicher Reaktionszeiten präzise messen. Sie kennen die Kosten von Produktionsverzögerungen oder -ausfällen genau. Diese können sich auf Hunderte oder sogar Tausende Euro pro Minute belaufen. Deshalb ist ein zuverlässiges Alarmmanagement für sie besonders wichtig.
Wenn jedoch eine Maschine ausfällt, sollte der Alarm nicht automatisch an jeden Techniker gesendet werden. Stattdessen sollte die nächstgelegene qualifizierte Person mit den erforderlichen Werkzeugen alarmiert werden. Nur ein System, das alle relevanten Informationen zusammenführt, kann eine solche gezielte Alarmierung ermöglichen.
Leider ist dies für viele Unternehmen nicht die Realität. Eine hohe Zahl irrelevanter oder unnötiger Alarme kann die Mitarbeitenden erheblich belasten. VViele Bediener stehen aufgrund einer hohen Alarmbelastung unter erheblichem Druck. Dies kann zu Bedienfehlern oder dazu führen, dass kritische Alarme übersehen werden."
Was bietet Ascom der Branche?
"Unser Ansatz basiert nicht auf einzelnen Projekten, sondern auf einer übergreifenden Strategie. Wir beobachten kontinuierlich Markttrends. Wenn sich neue Technologien oder Standards in der Praxis bewähren, prüfen wir deren Integration in unser Portfolio. Unser Ziel ist es, unseren Kunden kontinuierlich innovative und zuverlässige Lösungen bereitzustellen."
Können Sie ein Beispiel für eine kreative Lösung geben?
"Ein Kunde stand vor der Herausforderung, sämtliche Lkw-Bewegungen auf seinem Betriebsgelände zu koordinieren. Jeder Lkw benötigte ein bestimmtes Gerät, das bei der Einfahrt ausgegeben und bei der Ausfahrt wieder zurückgegeben werden musste – ein zeitaufwendiger Prozess. Wir haben dafür eine individuelle Lösung entwickelt und implementiert. Das vollautomatische System reagierte selbstständig auf ein- und ausfahrende Lkw. Die Fahrer mussten ihre Lkw nicht einmal verlassen. Die Geräteübergabe funktionierte praktisch wie bei einem Drive-through."
Neueste Technologie oder zertifizierte Produkte: Was ist wichtiger?
"Natürlich ist es wichtig, bei technologischen Innovationen auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wir würden jedoch niemals Produkte oder Lösungen empfehlen, die nicht ordnungsgemäß zertifiziert sind. Ohne Zertifizierung gibt es keine Garantie, dass ein Update funktioniert oder überhaupt kompatibel ist. Fehlende Zertifizierungen können ein erhebliches Risiko für Unternehmen darstellen. Viele Start-ups gehen dieses Risiko ein, weil ihnen die Ressourcen, die Zeit oder das Personal für eine ordnungsgemäße Zertifizierung fehlen. Das kann später erhebliche Schwierigkeiten verursachen. Unzertifizierte Technologien können sich im Laufe der Zeit nicht integrieren oder funktionieren, was für diese Unternehmen grundlegende Herausforderungen darstellt."
Was sind die neuesten Trends in der Branche?
"Einer der wichtigsten aktuellen Trends ist die zunehmende Mobilität und Vernetzung von Anwendungen und Prozessen. Das Spektrum reicht von Technologien mit hoher Bandbreite wie 5G bis hin zu kostengünstigen, energieeffizienten Bluetooth-basierten Lösungen, mit denen sich Sensordaten auch von abgelegenen Standorten übertragen lassen. Die Möglichkeiten sind beeindruckend. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch durch die intelligente Kombination dieser Technologien."
Ist 5G eher ein Schlagwort als ein Vorteil?
"Als 5G 2019 eingeführt wurde, war das Interesse groß, konkrete Anwendungsmöglichkeiten mussten sich jedoch erst entwickeln. Das hat sich inzwischen geändert. Heute gibt es zahlreiche Anwendungsfälle, die zeigen, wie 5G Echtzeitüberwachung und schnelle Reaktionen unterstützt, die Konnektivität und Zuverlässigkeit erhöht und moderne Gerätefunktionen ermöglicht. Im Jahr 2023 verzeichnete der 5G-Markt ein Wachstum von fast 10 %.
Welche Rolle wird KI künftig im Alarmmanagement spielen?
"KI hat das Potenzial, das Alarmmanagement grundlegend zu verändern, ähnlich wie andere Branchen und Geschäftsbereiche. Auch wenn noch nicht alle Vorteile klar sind, sind einige offensichtlich. Zum Beispiel die Benutzerfreundlichkeit. KI muss nicht kompliziert sein. Unternehmen müssen keine KI-Spezialisten sein, um von ihren Möglichkeiten zu profitieren. Ähnliches gilt für andere Technologien, die sich bereits seit einigen Jahren im Einsatz befinden. Viele dieser Technologien sind inzwischen breit zugänglich und praxisnah einsetzbar.
KI kann Unternehmen dabei unterstützen, fundiertere Entscheidungen zu treffen, indem sie große Datenmengen analysiert und relevante Muster und Zusammenhänge erkennt. Die Einführung von KI schreitet rasant voran. Laut einer aktuellen Forbes-Umfrage nutzten bereits über die Hälfte der Befragten KI-Tools für Cybersicherheit und Betrugsmanagement."
Abschließend: Was ist Ihre wichtigste Empfehlung?
"Unser Ansatz beginnt mit einem Kundenworkshop. Wir bitten unsere Kunden, ihre bestehenden Prozesse und bisherigen Einschränkungen zunächst außer Acht zu lassen und uns zu beschreiben, wie ihre ideale Lösung aussehen würde. Dieses ideale Szenario bildet den besten Ausgangspunkt. In vielen Fällen lassen sich übergeordnete Ziele bereits durch gezielte Ergänzungen und die intelligente Integration bestehender Lösungen erreichen oder zumindest deutlich näherbringen."
Ascom ist ein globaler Lösungsanbieter mit mehr als 50 Jahren Erfahrung im Gesundheitswesen und in der Unternehmenskommunikation. Das Unternehmen treibt Innovationen voran und setzt Standards in der Branche.